Realität

"Scheiße, ich geb' ja nur Bullshit von mir.“

Immerhin merkt er's, das unterscheidet ihn wenigstens in diesem Punkt von der Mehrzahl seiner Ich-mach-was-mit-Video-Kommilitonen. In den letzten zwei Stunden hat er genau einen intelligenten, nachvollziehbaren Satz gesagt, der mir, in Anbetracht der von ihm derart niedrig plazierten Messlatte, sogar sowas wie Respekt abgezollt hat. Irgendwas über irgend einen Zwiespalt der Menschen, in dem sie sich schon immer befinden, und von dem, jetzt mal frei daher gesagt, alles Übel ausgeht. Und die Kunst. War gar nicht schlecht, wahrscheinlich hat er das mal irgendwo gelesen und gleich auswendig gelernt, um mal was Substantielles in sein zusammenhangloses Geschwätz streuen zu können. Blöderweise hatte ich mich da bereits ins Toleranzkoma getrunken, so dass das Wesentliche recht schnell verblasste und nur die nutzlose Hülle übrig geblieben ist.

Einer der wenigen Ausnahmedesigner, jemand mit dem man tatsächlich über Dinge sprechen kann, oder aber einfach solange Vodka aus großen Gläsern trinken, bis sich für mehrere Stunden Schwärze über das Bewusstsein legt, ist betrunken genug für eine freundliche Antwort.

"Das ist völlig cool, du erhältst für mich gerade die Realität aufrecht, alles andere, Inhalt, Qualität, ist total nebensächlich, absolut egal. Hauptsache, ich hab was, woran ich mich festhalten kann."

"Uhhhh, Realität, komplexes, schwieriges Thema - gibt's überhaupt eine? Gibt's 'ne objektive und, oder "oder", gibt's eine subjektive?"

Der Videofritze gibt sich erneut tiefsinnig, ich wünsche mir den Vodka zurück und assoziiere gleichzeitig meinen Ethiklehrer aus der Zehnten, von dem ich mich damals so gerne mal hätte vögeln lassen, was natürlich nicht passiert ist und mich, verwirrt und verdreht wie ich damals war, sowieso ziemlich aus der Bahn geworfen hätte, retrospektiv geschätzte zwei Monate länger Therapie.

Mit fünfzehn konnte ich mich auch noch begeistern, also wirklich begeistern, mehr noch als für den Ethiklehrer, für Fragen nach der Existenz oder dem Wesen von Realität. Heute nervt mich sowas eher, weil es eh nirgendwo hinführt. Schon gar nicht, wenn sich überenthusiastische Mittzwanziger auf solche Fragen werfen, als hätten sie gerade die erste Goldader in Aaska entdeckt. Aber wahrscheinlich bin ich nur neidisch auf den Mangel an Schutzzynismus, der uns trennt.

Vom Videofritzen könnte ich mich vögeln lassen, dreimal hab ich seine vertrauensvolle Patschhand schon von meinem Oberschenkel schieben müssen, was er wohl für Koketterie hält, isses aber nicht, selbst im Toleranzkoma gelten hier noch gewissen Mindeststandards. Ein guter Fick beginnt im Kopf. Dabei muss das Gegenüber noch nicht mal von grenzenlosem Intellekt oder Bildung befallen sein, nö, aber ich benötige schon eine gewisse Integrität, um geil zu werden. Und darunter fällt mit Sicherheit nicht, im Suff Saint-Exupéry zu zitieren.* Oder zusammenhangslos Satzfragmente von sich zu geben, die so sehr nach Vorlesungsinhalt stinken wie der Main derzeit nach Entenscheiße. Dann lieber ein ehrliches „so'n theoretischer Kram interessiert mich nicht“, dann kann bei entsprechend körperlicher Sympathie auch direkt zum praktischen Teil übergegangen werden.

"Du hast doch mal Philosophie studiert, sag du doch mal was dazu..." Der Ausnahmedesigner scheint auch keine Lust auf weitere Oberflächenbeharkung zu haben und schaut mich bittend an.

"...ab und zu bringst du die Realität gut auf den Punkt..." schiebt er nach als ich genervt die Augen verdrehe. Aber in meiner Realität ist es gerade drei Uhr morgens, es kommen ziemlich viel Weißwein und Vodka drin vor, ich werde heute nichts mehr irgendwohin bringen, außer einer weiteren Beschwerde über die Band, die es tatsächlich gechafft hat, noch schlechter zu werden, als sie gestartet ist.

Der Ausnahmedesigner nickt bedeutungschwanger und stiert wieder geradeaus.Hat gerade eine Trennung hinter sich gebracht, hab ich auch erst erfahren, als ich ihm nach der letzten Performance des Abends zu seiner tollen Freundin und ihrem Bühnentalent beglückwünscht habe, und er knapp antwortete „Ex“ und ich nur „Oh“ sagen konnte, was will man da auch sonst großartig sagen. Acht Jahre und dann stellt man fest, dass man sich in irgendeinem Sumpf von „uns“, „wir“ und Alltag selbst verloren hat und bekommt das Bedürfnis, raus zu gehen und so lange rumzuvögeln, bis man sich wieder einigermaßen beisammen hat und wieder eine Idee davon, wer man eigentlich ist. Blöderweise hat hauptsächlich sie dieses Bedürfnis, vermutlich weil sie zu Beginn der acht Jahre siebzehn gewesen ist, und offene Beziehung ist ihr irgendwie auch nicht genug Freiheit. Der Ausnahmedesigner findet das sichtbar scheiße und trinkt sich weiter in Rage.

Ich trinke solidarisch mit, nur die ersehnte Rage gegen das alles hier, die kommt nicht, stattdessen kommt der Blues, gegen den man weder anvögeln noch -trinken kann, weil er Sex sinnlos und Alkohol schal werden lässt, weil man ganz kurz, mitgerissen von den Gedanken des Anderen, wirklich bei sich war, bei der Fünfzehnjährigen, die man mal war; die sich das alles ganz anders vorgestellt hatte.

* Mal ehrlich Jungs: Der kleine Prinz? Zum Aufreißen?

timanfaya - 12. Jul, 11:41

der kleine prinz ist das männliche äquivalent zur esoterik. zwei verhütungsmittel unter vielen, aber die einzigen mit einem pearl index von 0,0 ...

Elle de Jour - 13. Jul, 22:16

Das nennt man wohl

auf Nummer sicher gehen.
Elle de Jour - 15. Jul, 01:33

Wobei

mir heute eine frustrierte Bekannte erzählte, dass der tolle neue Mann wohl doch nicht so toll sei - er habe sie gefragt, was ihr Aszendent sei und ihr angeboten, ihr Horoskop zu erstellen.

Sie will jetzt wieder mit dem Rauchen anfangen.
promisc - 15. Jul, 06:07

-lach- Köstlich!
timanfaya - 15. Jul, 16:12

horoskop erstellen? ein ... "mann"?!

die menschheit steht kurz vor dem aussterben ...
promisc - 13. Jul, 15:48

Wenn schon dann Henri Miller, De Sade - oder zu Deiner Stimmung noch am ehesten passend Charles 'ol'man' Bukowski (ich fickte die Schlampe, rülpste mit ihr gemeinsam auf ein Bier und wischte mir den Schwanz an ihrem Bettlaken ab ehe ich die Tür hinter mir schloss...) -breitgrins- Aber da klingt eh der Blues gleich schon zu Beginn mit -schmunzel-

Elle de Jour - 13. Jul, 22:26

Bukowski könnte dennoch funktionieren, wenn der Vodka schon leer ist :)

Dabei fällt mir auf, dass ich derzeit über keine adäquate Bettlektüre verfüge. Das muss geändert werden. Mit Herrn Miller habe ich mich schätzungsweise bisher zu wenig beschäftigt. Was empfiehlst du für den Einstieg?
promisc - 13. Jul, 23:28

So aus dem Bauch heraus? Wendekreis des Krebses' oder 'Opus Pistorum' - auch wenn es bei Miller nicht wirklich einen Einstieg gibt, so ziemlich alles ist harter Tobak - gerade im Einstieg -schmunzel-
timanfaya - 14. Jul, 11:36

ich bin kein fan von bukowski. das war mir immer schon zu platt, obwohl es das eigentlich nicht ist. aber die geschmäcker sind halt verschieden. stille tage in clichy, von miller. das ist ein buch. ich mag dieses französche nebensächlich in den tag hineinvögeln flair der 30er jahre. und ich glaube, miller rülpst auch nie ...
Obstler - 14. Jul, 14:16

Henry Miller

Von "Opus Pistorum" würde ich abraten. Das hat er nur geschrieben und seitenweise an seinen notgeilen Verleger vertickt um ein paar Dollars nebenher zu machen. Eine reine Wichsvorlage ohne jeden literarischen Mehrwert. Und da es posthum veröffentlicht wurde bestehen Zweifel, ob die Texte darin überhaupt alle von Henry Miller persönlich stammen.
Die beiden Wendekreise (Steinbock und Krebs) sind ok und empfehlenswert. Vorausgesetzt, die Zeit, in denen die Bücher spielen, ist einem nicht zu weit weg.

O.
Elle de Jour - 15. Jul, 01:35

Vielen Dank

für die Vorschläge. Werde mir mal die Wendekreise besorgen und schauen, was passiert.

Wenn man ihn gutmütig beurteilen will, ist es nur eine schlechte Masche, die erschreckenderweise bei einer größeren Zahl als uns lieb ist gut ankommt. Unterschätzt nie die Masse der Didlmausfraktion! ;)

Obstler - 19. Jul, 13:20

Das Schöne und Gute sowohl bei Bukowski als auch bei Miller ist doch gerade, dass die expliziten Darstellungen von Sexualität nicht aufgesetzt wirken und nicht als bloße Masche rüberkommen. Sie ergeben sich ganz einfach als logische Aspekte einer authentischen Lebensbeschreibung.
Sex ist nun einmal ein unerhört wichtiger Teil des Lebens, ob man ihn nun auslebt oder nicht. Miller, aber auch Bukowski, gaben ihm lediglich den Raum, der ihm gebührt!
(neben allerlei Anekdoten. Ich erinnere mich z.B. an eine nächtliche Szene, da wäscht Miller auf dem Heimweg seinen Schniedel in einer Pfütze und wird dabei von einem Polizisten überrascht. Kommt, glaube ich, in einem der Wendekreise vor)

O.
siana - 19. Jul, 17:57

wie wäre es mit george bataille? das obszöne werk

promisc - 19. Jul, 18:01

Oha,

eine Kennerin!

( Das Obszöne Werk... )

;-)
siana - 20. Jul, 20:31

@promisc: ich stimme deiner beschreibung des buches zu!

zwar kein buchtipp, aber auch sehr empfehlenswert ist der film tokyo decadence.

promisc - 20. Jul, 22:55

Absolut! Genialer Film...

Und erinnert mich heftigst an ein Erlebnis an einer von der Decke bis zum Boden reichenden Fensterfront eines Hotelzimmers in Basel mitten in der City -grins-

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