Mittwoch, 9. März 2011

Chaos

Mein Ohrring. Ich habe nicht mal gemerkt, dass er fehlt und jetzt liegt er hier auf dem Küchenboden zwischen den ganzen Brotkrümeln rum. Genauso wie sein Kollege vom anderen Ohr. Und einer der Verschlüsse. Und mein Schlüsselband. Ohne Schlüssel. Was auch immer hier passiert sein mag; ich erinnere mich nur dunkel an Teekochen und Hände an meiner Brust und mein Unterleib steuert bei, dass da jemand ziemlich viele Finger auf einmal in mich geschoben hat. Und das nicht gerade sanft. Ich kippe Kaffee auf Zucker; zeitgleich spielt eine Aspirin Chemielabor im größten Wasserglas, das ich finden konnte. Die Brausetabletten sind extrem widerlich, keine Ahnung, warum ich überhaupt welche hier habe, besser als nix ist es jedoch allemal. Mir tut alles weh, alles. Vom Trinken, vom Ficken? Ich weiß es nicht, ist mir aber auch egal, ich muss nicht kotzen, und das ist an einem solchen Morgen das Gold, das seine Stunden im Mund zu tragen pflegen.

Der Kerl in meinem Schlafzimmer ist gläubiger Christ und Säufer, Banker und Punk. Zumindest hat er das von sich behauptet. Auf nichts davon komme ich normalerweise wirklich klar. Säufer gehen noch am ehesten, sofern sie lose Tresenbekanntschaften bleiben, denen man allenfalls mal aus der Entfernung zuprostet, freundlich nickt, um sich dann samt Gintonic in eine ruhigere Ecke zu verziehen. Banker ist schon schwieriger, ich kann diesem ganzen Wichtiggetue und Sprechblasengeschwätz nur wenig abgewinnen. Dazu kommen stereotype Klamotten und alberne Frisuren. Womit auch geklärt ist, warum Punks nicht wirklich interessant auf mich wirken. Die Sache mit dem überzeugten Christsein... mich fasziniert so was ja bei Erwachsenen. Glauben. An einen Erlöser. Einen langfristigen Erlöser, der keinen Kater hinterlässt. Ca. drei Minuten lang bin ich also fasziniert und fast ein wenig neidisch. Dann allerdings wandelt sich die Wahrnehmung zu irgendwas waberigem zwischen Fremdschämen, Sarkasmus und auch einer gewissen Betretenheit, weil ich ja irgendwo doch ein netter Mensch bin, und niemanden in seinem Innersten verletzen will, der Sarkasmus mit steigendem Alkoholkonsum jedoch seinen Teil dazu beiträgt, letzteres als enorm schwierig zu gestalten.

Jepp, an die Episode gestern erinnere ich mich jedenfalls noch. Verschwommene Religionsdiskussion morgens um halb sechs in einer stinkenden Kellerkneipe, zwischen Bier und Vodka. Ein Glück, dass Feuerbach das nicht mehr erleben musste. Aber wahrscheinlich war es genau die wilde Mischung all dieser No-Go-Area-Attribute, die mich an die Schulter dieses denkwürdig kaputten Kerls gespült hat, der halbdepressiv seiner Exbeziehung hinterhertrauert und den Kindern, die sie nie gehabt haben. Wir trinken und reden über alles und letzten Endes doch über nichts, wie man das um diese Uhrzeit mit diesem Pegel eben so macht, ab und an taucht ein Spanier auf, singend, dann muss ich irgendwann die Augen zu machen und ganz still halten, damit der Scheißladen aufhört sich zu drehen; ich schlafe ein, glaube ich, auf seinem Schoß, und das fühlt sich unangemessen gut an.

Später, wenn ich zur Bestandsaufnahme vor dem großen Spiegel im Schlafzimmer stehen werde, werde ich einen dunkelblauen Fleck zwischen meinen Arschbacken finden (der mich ziemlich fasziniert, da ich nicht weiß, ob er vom Vögeln, von Schlägen oder von einem Sturz, an den ich mich nicht erinnere, stammt) und auch an anderen Stellen, wie ich lange keine mehr hatte. Ich kann mich an den Schmerz erinnern, als sie entstanden sind, und so langsam entsinne ich mich meines Erstaunens darüber, dass der sensible, emotionsverwickelte Mann, der mich freundlicherweise sicher nach Hause (und wo er schon mal dabei war auch gleich ins Bett) gebracht hat, nicht nur ziemlich feste zubeißt, sondern auch ansonsten was das Vögeln angeht so gar nicht auf sensible Techniken steht. Ob's mir weh tut, kann ich ja immer noch sagen. Was ich getan habe, mehrfach, in vollster Zufriedenheit.

Die nächste Erinnerung beinhaltet meine Jacke; die Erleichterung darüber, dass mein dämliches Telefon noch da ist; einen Haufen wild gestikulierender Chilenos in einer Hofeinfahrt, der Spanier streitet sich mit einem von ihnen. Ist das überhaupt der Spanier? Streiten die überhaupt? Wo bin ich eigentlich? Egal, Taxi, das weiß ich noch, und dass die Fahrt sich anfühlt wie 127 Stunden mit der Hand zwischen Stein und Fels festklemmen. Nur mit Übelkeit, statt mit Arm abschneiden.

In der festen Überzeugung, gleich vor meine eigenen Haustür zu kotzen, steige ich aus. Es ist kühl, aber nicht frostig, die Sonne geht auf. Ich bleibe ganz ruhig stehen und atme Frühlingsluft. Der Tag ist ganz frisch und ich mit einem Mal auch, mir geht’s besser, mir geht’s gigantsich, und dann bin ich auch schon in meiner Küche, wo wohl gleich irgendwas wüstes passiert, weil es später dort ja sonst nicht so aussehen würde, wie es dann dort aussehen wird.

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